Amritsar

Nach einem 1-tägigen Zwischenstopp in Delhi kommt am Mittwoch ,den 17. Januar schon um 5:45 Uhr unser Ola Fahrer Richtung Flughafen. Nach über 25 Ola Fahrten haben wir nun zum ersten mal einen Fahrer der Sikh ist (erkennt man am Turban). Dies ist ein schöner Zufall, denn vom Flughafen geht es nach Amritsar im Staat Punjab. Hier wurde die Religionsgemeinschaft Sikhismus gegründet und hier befindet sich der Goldene Tempel, das höchste Heiligtum der Sikhs.

In Amritsar angekommen geht es ins Ola und nach ein paar Minuten traue ich mich meinen Augen nicht. Der Fahrer richtet den Rückspiegel ! (bis dato haben wir LED Monitore statt Rückspiegel gesehen oder der Rückspiegel war zum Fahrer gerichtet, sodass dieser sich selbst sehen kann). Und es bleibt nicht beim Rückspiegel. Nach ein paar Metern öffnet er das Fenster und richtet den Seitenspiegel ! (oft gab es keinen Seitenspiegel oder diese waren eingeklappt). Schon schnell ging ich davon aus, dass Amritsar und Punjab eine völlig andere (indische) Welt sein muss, mit geordneten Verkehr. Spätestens an der ersten dicht befahrenen Kreuzung wurden wir jedoch enttäuscht. Es wurde gehupt, gedrängelt und es galt wieder die Regel: Das größere Auto hat Vorfahrt.

Im Hotel angekommen gibt es ein Upgrade (Yay!) und wir dürfen schon um 10 Uhr auf’s Zimmer (nochmals Yay!). Wir machen uns kurz frisch (also Verena duscht und ich gucke Fernsehen (24/7 Kabaddi TV)) und gehen los zum Jallianwala Bagh (auch bekannt als das Massaker von Amritsar) Mahnmal. Hier wurden im April 1919 unter der Leitung des damaligen Gouverneurs von Punjab Michael O’Dwyer und dem Brigardegeneral Reginal Dyer über 1.000 Hindus, Sikhs und Muslime ohne Vorwarnung erschossen. Da der Park, in dem das Massaker stattfand, nur über einen einzigen Eingang zu betreten war und dieser von den schießenden britischen Soldaten blockiert war, sind etliche Menschen aus Verzweiflung nicht erschossen zu werden, in einen Brunnen gesprungen. Aus diesem wurden später über 120 Leichen geborgen. Dieses Massaker gilt als Wendepunkt in der Unabhängigkeitsbewegung Indiens.

Hier gibt es auch ein Museum für oder eher gesagt eine Galerie über einige indische Märtyrer. Einer von denen ist Udham Singh. Er hat als 20-Jähriger das Massaker als Augenzeuge mitbekommen und dann 20 Jahre darauf hingearbeitet sich dafür zu rächen. Im März 1940 erschoss er Michael O’Dwyer in London und wurde daraufhin in England zum Tode verurteilt und hingerichtet. Seine Asche wurde nach Indien gebracht und dort wurde er (bzw. seine Überreste) wie ein Held gefeiert. In Amritsar ist eine riesige Statue von ihm zu sehen. Es war schon eigenartig zu sehen, wie Menschen gefeiert und verkehrt werden, dessen Errungenschaft es war jemand anderen zu töten. Auf der anderen Seite war jedoch die Liebe, die diese Menschen zu ihrem Mutterland hatten, ebenso faszinierend. Udham Singh sagte nämlich bei seiner Verurteilung:

„Er wollte den Geist meines Volkes brechen, also vernichtete ich ihn. Seit 21 Jahren habe ich versucht, Vergeltung zu üben. Ich bin froh, dass ich die Aufgabe erledigt habe. Ich habe keine Angst vorm Tod. Ich sterbe für mein Land. Ich habe mein Volk in Indien unter den Briten verhungern sehen. Ich habe dagegen demonstriert, das war meine Pflicht. Was für eine größere Ehre könnte mir zuteil werden, als für mein Mutterland zu sterben?“

Mit Patriotismus ging es bei uns auch weiter. Mit dem Taxi vom Hotel geht es zum Wagah Border. Der Grenze zu Pakistan. Das Auto bringt uns in die Nähe der Grenze. Den letzten Kilometer müssen wir jedoch zu Fuß laufen. An der Grenze wird allabendlich auf beiden Seiten eine Militärparade der Grenzsoldaten abgehalten. Die Parade zeichnet sich durch eine selbst für militärische Verhältnisse übertriebene und überspitzte Ritualisierung aus. Das ganze kostet keinen Eintritt, sodass ich meinen deutschen Pass zeige (und nicht in der ultra langen indischen Schlange anstehen muss). Vor Beginn werden  Eis, Chips und Popcorn und diverse Fanartikel verkauft. Wir sitzen direkt an der Grenze zu Pakistan und haben einen herrlichen Blick auf die Tribüne, wo die meisten Inder sitzen. Direkt neben uns steht ein indischer Soldat, der die ganze Zeit ununterbrochen auf die pakistanische Seite starrt.

Es wird gefeiert, „Hindustan Sindhabah“ gerufen und versucht lauter zu sein als die Pakistanis.

Zurück vom „Grenzstadion“ geht es den Kilometer wieder zurück, wo wir auf Anhieb unseren Fahrer finden.

Am nächsten Tag stehen wir früh auf und essen das Frühstücksbuffet leer. Angefangen wie immer mit einem Omlette und Toast, danach indisches (Masala Dosa, Sambara und ein paar Chutneys) und zum Schluss frische Waffeln mit Schokosoße. (Wir mussten uns ja anpassen: in Punjab essen die Leute ohnehin viel mehr und viel fettiger [nun gut, die Punjabis sind auch alle wesentliche größer und breiter als die Inder im Rest des Landes]).

Nach dem Frühstück geht es zum Goldenen Tempel. Angekommen geben wir die Schuhe ab und laufen über die langen ausgelegten Teppiche zum Tempeleingang. Ich kaufe mir für 0,10 RS ein orangenes Dreieckstuch für den Kopf und Verena legt sich ihren Schal auf den Kopf. Man läuft durch ein kleines Becken mit Wasser vorbei an „Tempelwächtern“ in den Komplex – einige Stufen herunter und dann steht man schon vorm goldenen Tempel, der in der Mitte eines rechteckigen Wasserbeckens gebaut ist und über einen Steg zu erreichen ist. Das Becken ist von Marmorboden umgeben und ein paar Stufen führen rundherum jeweils ins Wasser. An einigen Stellen sieht man Sikhs ins Wasser gehen und im heiligen Wasser baden. Für „Ladies“ gibt es an einigen Stellen auch Badestellen, die von außen nicht einsehbar sind (Schade).
Sikhs glauben an einen Gott, der Waheguru genannt wird und weder weiblich noch männlich ist. 10 Gurus, die vor Hunderten von Jahren lebten und eine Art heilige Schrift verfasst haben, spielen im Sikhismus eine große Rolle. Sikhs legen Wert auf eine tugendhafte Lebensführung, Familie, soziales Engagement und spirituelle Entwicklung bzw. Meditation. Dadurch, und durch das Folgen des Weges der Gurus, versuchen sie, dem Kreislauf der Wiedergeburt zu entkommen und mit der Seele Gottes Eins zu werden. Sikh-Männer tragen einen Turban, mit dem sie ihr ungeschnittenes Haar bedecken.
Ganz langsam laufen wir um das große Becken und beobachten, was um uns herum passiert. In den überdachten Gängen um das Becken liegen bzw. sitzen Gläubige und meditieren oder schlafen. Es herrscht eine ruhige Atmosphäre und im Hintergrund läuft religiöse Musik / Gesänge. Manche Sikhs baden im Wasser und viele machen auch einfach nur Fotos. Wenn Leute Fotos machen, die von den Tempelwächtern als unpassend angesehen werden, kommen sie und bitten, diese Fotos zu löschen. In allen vier Ecken wird von Freiwilligen Trinkwasser in silbernen Schüsseln ausgegeben.

Gegen 15 Uhr gehen wir innerhalb des Komplexes im Guru-Ka-Langar essen. Hier gibt es für Arm und Reich kostenlos Essen. An bestimmten Tagen werden hier bis zu 100.000 Menschen gespeist. Da der Goldene Tempel Komplex 24 Stunden geöffnet ist, gibt es auch hier 24 Stunden lang Essen. Das Ganze wird zum Großen Teil von Freiwilligen betrieben und lebt von Spenden. Nach dem Essen gehen wir vorbei an etlichen Freiwilligen, die Berge von Möhren, Zwiebeln etc. schnibbeln. Wir beschliessen ebenfalls etwas zu tun und stellen uns an die Spühlzentrale und spülen ca. 20 Minuten lang. (Verena natürlich beim Spühlstand für Frauen und ich für Männer).

Es ist schon beeindruckend wie Sikhs das soziale Engagement ernst nehmen. Im Goldenen Tempel gehen täglich mehrere tausend Menschen durch und jeder packt mit an, sodass alles reibungslos funktioniert.

Nach einem kurzen Abstecher in die Märkte gehen wir nochmal typisch Punjab Style (sehr fettig) essen und anschließend  nochmals zum Goldenen Tempel, wo wir die Schönheit nochmal im Dunkeln bestaunen. Auch dort ist Verena wieder als Selfie Motiv gefragt. Am nächsten Tag haben wir genug Zeit zu frühstücken und uns fertig zu machen. Um 12 steht schon unser Ola Fahrer vor der Tür, der uns zum Flughafen bringt.

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